Die DIN EN IEC/IEEE 82079-1 ist die wichtigste Norm für alle, die Betriebsanleitungen und andere Arten von Nutzungsinformationen erstellen. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser Norm? In diesem Beitrag erklären wir Ihnen verständlich, welche Anforderungen die Norm stellt, warum sie so bedeutend ist und wie Sie sie in der Praxis umsetzen können.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Was ist die Norm 82079-1? Diese Norm gilt für die Erstellung von Nutzungsinformationen aller Produktarten – von Konsumgütern bis zu komplexen Industrieanlagen
- Aktuelle Version: DIN EN IEC/IEEE 82079-1:2021-09 (Deutsche Fassung wurde im September 2021 veröffentlicht)
- Geltungsbereich: Die Norm ist eine Horizontalnorm. Das bedeutet, dass diese Norm branchenübergreifend gültig ist
- Neue Begrifflichkeit: „Nutzungsinformation“ ersetzt den alten Begriff „Gebrauchsanleitung“ und umfasst neben den klassischen Papieranleitungen nun auch digitale Medien, Online-Hilfen und eingebettete Informationen
- Rechtliche Bedeutung: Die Nutzungsinformation ist integraler Bestandteil des Produkts, fehlerhafte Nutzungsinformation gilt als Produktfehler
Warum ist die Norm so wichtig?
Rechtliche Bedeutung
Die Norm hat eine zentrale rechtliche Bedeutung: Nutzungsinformationen sind integraler Bestandteil des Produkts. Eine fehlerhafte oder unvollständige Betriebsanleitung wird rechtlich wie ein Produktmangel behandelt. Dies hat direkte Auswirkungen auf:
- Produkthaftung: Mangelhafte Betriebsanleitung kann zu Haftungsansprüchen führen
- CE-Kennzeichnung: Für alle Produkte, die unter die CE-Kennzeichnung fallen, ist eine normkonforme Betriebsanleitung Voraussetzung
- Produktsicherheitsgesetz: Hersteller müssen sichere Nutzung durch angemessene Information gewährleisten
Die wichtigsten Prinzipien der Norm 82079-1 an die Informationsqualität

1. Vollständigkeit
Nutzungsinformationen müssen vollständig sein. Vereinfacht gesagt, müssen alle Informationen vorliegen, um mit dem Produkt in allen Lebensphasen sicher und effektiv umgehen zu können. Folgende Aspekte sind zu berücksichtigen:
- Risiken während der Nutzung des Produkts
- Rechtliche Aspekte
- Beschreibung aller Arbeiten am Produkt (während des gesamten Lebenszyklus)
- Nutzungsinformationen auf die Zielgruppe abgestimmt
2. Minimalismus
Das Prinzip “viel hilft viel”, ist innerhalb von Nutzungsinformationen fehl am Platz. Minimalismus bedeutet, dass den Anwendern nur relevante Informationen zur Verfügung gestellt werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
3. Korrektheit
Nutzungsinformationen müssen fachlich korrekt sein. Das bedeutet auch, dass bei Änderungen am Produkt die Nutzungsinformationen auf deren Korrektheit überprüft und bei Bedarf überarbeitet werden müssen.
4. Prägnanz
Nutzungsinformationen müssen prägnant dargestellt werden. Dies bedeutet im Hinblick auf die Inhalte:
- Formulierungen müssen kurz und präzise formuliert sein
- das Minimalismus-Prinzip muss angewendet werden
- die Aussage von Grafiken und Illustrationen müssen eindeutig sein
- auch Videos müssen kurz und aussagekräftig sein
5. Konsistenz
Nutzungsinformationen müssen im Hinblick auf Inhalt, Darstellung und Medien durchgängig, einheitlich, widerspruchsfrei und nachvollziehbar sein.
Im Detail heißt das:
- Inhaltliche Konsistenz: Begriffe und Beschreibungen müssen durchgängig gleich verwendet werden. Für einen Anwender ist es verwirrend, wenn es z.B. innerhalb einer Betriebsanleitung für einen Sachverhalt unterschiedliche Schreibweisen und Ausdrücke gibt.
- Darstellungs-/Layoutkonsistenz: Formatierungen, Symbole, Maßeinheiten, Warnhinweise etc. müssen einheitlich sein. Wenn eine bestimmte Gestaltung (z. B. Überschriften, Icons, Warnfarben) gewählt wurde, muss diese konsequent durch alle Abschnitte und Medien eingehalten werden.
- Medienübergreifende Konsistenz: Wenn dieselbe Information in unterschiedlichen Medien erscheint, müssen die Darstellung und der Inhalt in allen Medien konsistent sein.
6. Verständlichkeit
Informationen müssen klar und eindeutig kommuniziert werden:
- Einfache Sprache: Vermeidung von Fachausdrücken, wo möglich
- Strukturierung: Logischer Aufbau und klare Gliederung
- Visualisierung: Bilder und Grafiken zur Unterstützung des Textverständnisses
- Kontextgerecht: Information zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort
7. Barrierefreiheit
Nutzungsinformationen müssen für die Zielgruppe zugänglich sein. Das bedeutet technisch verfügbar und lesbar. Kommt es vor, dass die Zielgruppe Einschränkungen bezüglich der Wahrnehmung und Aufnahme von Informationen aufweist, muss dies berücksichtigt werden.
Was ist neu in der aktuellen Fassung?

Die DIN EN IEC/IEEE 82079-1:2021 bringt mehrere wichtige Neuerungen:
Begrifflichkeit: Von der Gebrauchsanleitung zur Nutzungsinformation
Der zentrale neue Begriff „Nutzungsinformation“ ersetzt „Gebrauchsanleitung“, weil:
- Moderne Informationsvermittlung über verschiedene Medien erfolgt
- Digitale Formate (Apps, Online-Hilfen, eingebettete Systeme) einbezogen werden
- Der Begriff „Anleitung“ zu begrenzt war für alle Informationsarten
- Beschreibende, anweisende und referenzielle Informationen umfasst werden
Drei Arten von Nutzungsinformationen
- Anweisende Informationen: Handlungsanweisungen in Form von Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Handlungstätigkeiten
- Beschreibende Informationen: Produktbeschreibungen, Spezifikationen, Funktionsweisen
- Referenzielle Informationen: Nachschlagewerke, Ersatzteillisten, Technische Daten
Erweiterte Anforderungen
- Warnhinweise: Präzisere Regelungen für Gestaltung mit Signalwörtern
- Bilder und Grafiken: Konkrete Vorgaben zur visuellen Darstellung
- Qualitätssicherung: Explizite Forderung nach Lektorat
- Informationsmanagement Prozesse: Wiederholbare, qualitätsgesicherte Prozesse
Anforderungen an Nutzungsinformationen
Inhaltliche Anforderungen
Die Norm definiert konkret, welche Inhalte eine Nutzungsinformation mindestens enthalten muss:
Identifikations-Informationen:
- Produktbezeichnung und Modellnummer
- Hersteller- und Lieferanteninformationen
- Seriennummer
- Herstellungsdatum
- Version der Nutzungsinformation
Sicherheitsinformationen:
- Bestimmungsgemäße Verwendung
- Vorhersehbarer Fehlgebrauch
- Gefährdungen und Schutzmaßnahmen
- Persönliche Schutzausrüstung
- Notfallmaßnahmen
Nutzungsinformationen:
- Transport und Lagerung
- Installation und Inbetriebnahme
- Bedienung
- Wartung und Inspektion
- Störungsbeseitigung
- Außerbetriebnahme und Entsorgung
Anforderungen an die Darstellung
Sprache:
- Klare, präzise Formulierungen
- Aktive Verben für Handlungsanweisungen
- Konsistente Terminologie
- Vermeidung von Mehrdeutigkeiten
Struktur:
- Logischer Aufbau nach Nutzungsphasen
- Durchgängiges Inhaltsverzeichnis
- Sinnvolle Gliederung in Kapitel und Abschnitte
- Querverweise bei Bedarf
Typografie:
- Lesbare Schriftgröße
- Ausreichende Zeilenabstände
- Hervorhebung wichtiger Informationen
- Einheitliches Layout
Illustrationen:
- Aussagekräftige, eindeutige Darstellungen
- Nur relevante Details zeigen
- Beschriftung in Landessprache
- Übereinstimmung mit Text
Anforderungen an den Informationsmanagement-Prozess
Die Norm fordert nicht nur die Qualität der Nutzungsinformationen, sondern auch einen klar strukturierten und nachvollziehbaren Prozess:
Wiederholbare Prozesse
- Planung: Festlegung von Zielen, Zielgruppen, Ressourcen und Zeitplan
- Umsetzung: Standardisierte Prozesse für Recherche, Erstellung und Review
- Überprüfung: Regelmäßige Qualitätskontrollen während des Erstellungsprozesses
- Korrektur: Systematische Fehlerbeseitigung und Verbesserung
- Dokumentation: Nachvollziehbarkeit aller Prozessschritte
Qualitätssicherung und Verbesserung
- Regelmäßige Überprüfung und Aktualisierung der Informationen bei Produktänderungen
- Regelmäßige Überprüfung der Zielerreichung
- Kontinuierliche Verbesserung basierend auf Nutzerfeedback
- Verbesserung der Informationsqualität über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg
Informationsmanagement aus einer Hand
- Zentrale Verwaltung aller Informationsinhalte
- Wiederverwendung von Inhalten
- Konsistenz über alle Dokumenttypen und Sprachen
- Versionskontrolle und Archivierung
Zusammenspiel mit anderen Normen

Die DIN EN IEC/IEEE 82079 ist eine Horizontalnorm und gilt für alle Produktarten und Branchen. Dabei stellt die Norm klar, dass wenn es produktspezifische Normen gibt, diese immer Vorrang haben. Beispiele für produkt- und branchenspezifische Vorgaben können sein:
Für Maschinen und Anlagen
- DIN EN ISO 20607: Spezifische Anforderungen für Maschinen-Betriebsanleitungen
- DIN EN ISO 12100: Sicherheit von Maschinen – Allgemeine Gestaltungsleitsätze
- Maschinenrichtlinie 2006/42/EG: Rechtlicher Rahmen für das Inverkehrbringen von Maschinen
Für Software
- ISO/IEC 26514: Anforderungen an Benutzerdokumentation von Software
Für Warnhinweise
ANSI Z535.6: definiert Gestaltung, Inhalt und Platzierung von Sicherheitshinweisen in Anleitungen
Unterstützung bei der Umsetzung der DIN EN ISO 82079
Die Umsetzung der Anforderungen der DIN EN ISO 82079-1 ist für viele Unternehmen eine Herausforderung.
Gerade bei komplexen Produkten oder umfangreichen Redaktionsprozessen lohnt es sich, auf erfahrene Partner zu setzen.
Professionelle Unterstützung kann dabei helfen, bestehende Anleitungen und Nutzungsinformationen zu analysieren, Prozesse zu optimieren und eine wirklich nutzerorientierte, rechtssichere Lösung zu schaffen.
Die mt-redaktion GmbH begleitet Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau bei der Erstellung und Überarbeitung ihrer Anleitungen und Nutzungsinformationen, von der ersten Analyse bis zur normkonformen Ausführung gemäß DIN EN ISO 82079-1.
So entstehen klare, vollständige und verständliche Nutzungsinformationen, die nicht nur gesetzlichen Anforderungen genügen,sondern auch einen echten Mehrwert für Anwender bieten.
Betriebsanleitung für Anlagen erstellen lassen – mit mt-redaktion
Die Erstellung einer Betriebsanleitung für Anlagen ist komplex, sie erfordert technisches Verständnis, die Fähigkeit sich in die Anwender einer Anlage hineinversetzen zu können, sowie Kenntnisse über relevante Richtlinien und Normen.
Hier kommt die mt-redaktion ins Spiel:
Wir erstellen Ihre Betriebsanleitung normgerecht und individuell für Ihre Anlage.
Von der ersten Analyse über die normgerechte Strukturierung bis hin zur verständlichen Formulierung. Wir sorgen dafür, dass Ihre Dokumentation rechtssicher, praxisnah und anwenderfreundlich ist.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Was ist der Unterschied zwischen der 62079 und der 82079?
Die DIN EN 62079 ist die Vorgängernorm. Die DIN EN 82079 ersetzte sie 2012 und wurde 2021 als DIN EN IEC/IEEE 82079-1 grundlegend überarbeitet. Die wichtigsten Unterschiede: Die 82079-1 ist deutlich umfassender, moderner und praxisnäher als die Vorgängernorm.
2. Ist die Norm 82079-1 verpflichtend?
Die Norm selbst ist nicht unmittelbar rechtsverbindlich, aber:
- Produkthaftung: Bei Unfällen wird die Einhaltung anerkannter Normen geprüft
- Maschinenrichtlinie: Verweist auf „angemessene Informationen“ – die Norm definiert den Stand der Technik
- CE-Kennzeichnung: Normkonforme Betriebsanleitungen sind faktisch Voraussetzung
- Vertragsrecht: Kunden können auf eine normkonforme Betriebsanleitung bestehen
In der Praxis ist die Einhaltung der Norm 82079-1 für professionelle Nutzungsinformationen de facto verpflichtend
3. Für welche Produkte gilt die Norm 82079-1?
Die Norm ist eine Horizontalnorm und gilt grundsätzlich für alle Arten von Produkten.
4. Was bedeutet „Nutzungsinformation“ genau?
„Nutzungsinformation“ ist der zentrale Begriff der aktuellen Norm und umfasst alle Informationen, die für die sichere und bestimmungsgemäße Verwendung eines Produkts erforderlich sind. Dazu gehören:
- Klassische Betriebsanleitungen (gedruckt oder digital)
- Montage- und Installationsanleitungen
- Wartungshandbücher
- Online-Hilfen und Tutorials
- Kontextsensitive Hilfe in Software
- Video-Anleitungen
- FAQ und Wissensdatenbanken
- Eingebettete Informationen im Produkt selbst (z.B. Labels, Display-Meldungen)
Der Begriff ist bewusst weit gefasst, um moderne Informationsformen einzuschließen.
5. Muss ich ein Redaktionssystem verwenden?
Die Norm fordert kein spezifisches System, aber sie verlangt wiederholbare, qualitätsgesicherte Informationsmanagement-Prozesse. In der Praxis bedeutet das, dass Sie für einen qualitativ hochwertigen Redaktionsprozess verantwortlich sind. Das beinhaltet den Prozess der Recherche, der Erstellung, sowie den Review- und Qualitätssicherungsprozess. Gewisse Systeme können hier helfen.
Redaktionssysteme z.B helfen bei:
- Wiederverwendung von Inhalten
- Konsistenz über alle Anleitungen
- Versionsverwaltung und Archivierung
- Mehrsprachiges Publishing
- Automatisierung von Übersetzungsprozessen
6. Gilt die Norm auch für digitale Dokumentation?
Ja, unbedingt! Gerade die aktuelle Fassung (2021) legt großen Wert auf digitale Formate:
- Online-Hilfen: Müssen dieselben Qualitätsprinzipien erfüllen wie gedruckte Dokumente
- Apps und Software: Eingebettete Hilfe ist explizit als Nutzungsinformation definiert
- Video-Tutorials: Gelten als anweisende Nutzungsinformation
- Augmented Reality: AR-Anleitungen fallen ebenfalls unter die Norm
- QR-Codes: Können zu digitaler Dokumentation führen, müssen aber Anforderungen erfüllen
7. Was kostet die normkonforme Erstellung?
Die Kosten hängen von vielen Faktoren ab:
- Produktkomplexität: Einfache Konsumgüter vs. komplexe Industrieanlagen
- Umfang: Textumfang, Anzahl Illustrationen, Sprachenvielfalt
- Ausgangslage: Neu erstellen vs. überarbeiten vorhandener Dokumentation
- Qualifikation: Eigene Mitarbeiter schulen vs. externe Dienstleister
Eine Investition lohnt sich durch:
- Wettbewerbsvorteil durch Qualität
- Vermeidung von Haftungsrisiken
- Reduzierung von Supportkosten
- Höhere Kundenzufriedenheit
Abschließende Gedanken: Die Norm 82079-1 als Chance begreifen
Die DIN EN IEC/IEEE 82079-1 ist weit mehr als eine bürokratische Pflicht. Sie ist ein Leitfaden für qualitativ hochwertige, nutzerorientierte Informationen, die:
- Sicherheit erhöhen: Durch klare, verständliche Anweisungen und Informationen
- Kosten senken: Durch weniger Supportanfragen und Haftungsfälle
- Kundenzufriedenheit steigern: Durch hilfreiche, zielgruppengerechte Information
- Wettbewerbsvorteile schaffen: Durch professionelle Dokumentation als Qualitätsmerkmal
Die konsequente Umsetzung der Norm zahlt sich aus, nicht nur rechtlich, sondern auch wirtschaftlich. Wer die Prinzipien der Norm verinnerlicht, erstellt bessere Produkte mit besseren Informationen für zufriedenere Kunden.